

Von Harald Struff
Was gibt es Besseres an solch einem Abend, als gegen den Welt-, Europa- und Deutschen Meister Florian Kehrmann einen Tempogegenstoß mit einer Glanzparade zu parieren?
So, wie es Landesligakeeper Michael Hölter gestern im Gastspiel des Bundesligisten TBV Lemgo in der 4. Minute gelungen war? Eine Steigerung dazu! Denn der 20-jährige Amateur Hölter fischte dem 34-jährigen Profi Kehrmann in der 51. Minute bei einem weiteren Tempogegenstoß mit einem Sprint ins Feld den Ball vor der Nase weg. Und auch diese Leistung lässt sich noch toppen: Sekunden vor Schluss leitete Hölter selbst einen Tempogegenstoß ein, bediente mit einem weiten Pass über das ganze Feld Kreisligaspieler Matthias Sellmann, der unter dem frenetischen Applaus von über 400 Handballfans den Ball zum 26:48 (11:24)-Endstand gegen TBV-Keeper Dominik Formella ins Netz warf.
Das zweite Gastspiel des Bundesligisten TBV Lemgo bei seinem Warsteiner Partnerverein VfS Warstein innerhalb von zweieinhalb Jahren war gestern Abend voll gespickt mit spielerischen Höhepunkten und sehenswerten Aktionen im Wurfkreis – bei der gelungenen Torverhinderung ebenso wie beim erfolgreichen Torabschluss.
Hallensprecher Marvin Risse hatte alle Mühe, die Schützen von insgesamt 74 Toren auszurufen und kam eigentlich nur ein einziges Mal ins Schlingern – in der 56. Minute, als Florian Kehrmann eine Ballstaffette durch den Warsteiner Wurfkreis einleitete und der schwedische Nationalspieler Patrick Johansson zum 21:45 einwarf: „Ich hab’ den Schützen jetzt gar nicht mitgekriegt, weil das so zack, zack, zack ging...“
Ballakrobatik beim Bundesligisten, obwohl fünf aktuelle Nationalspieler des TBV gar nicht mitgereist waren.
Doch das Fehlen einiger Handballprominenter drückte gestern Abend keineswegs auf die Stimmung in der Dreifachturnhalle. Das Publikum zeigte sich bestens gelaunt, befeuert vom Führungstor des krassen Außenseiters VfS Warstein durch Boban Ristovic nach 27 Sekunden. Zehn weitere Male schaffte es Rückraumschütze Ristovic, die Bundesligadeckung zu überwinden. Eine Trefferquote, die ihm selbst in Meisterschaftsspielen auf Landesligaebene nicht immer gelingt.
Dass jeder Warsteiner Torerfolg gegen Lemgo Begeisterungsstürme auf den Zuschauerrängen hervorrief, weckte in Hallensprecher Risse die Manieren eines guten Gastgebers: „Meine Damen und Herren! Sie können auch für Torerfolge des TBV Lemgo applaudieren. Das ist hier nicht wie beim Arnsberg-Spiel!“ Fortan fanden auch Kehrmann- und Bechtloff-Tore ihr Hallenecho.
Schwer fiel es den Zuschauern lediglich, den Namen des Schützen zum Warsteiner 10:20 auszurufen. Denn hier meldete sich in der 28. Minute ein Neuzugang zu Wort, der gestern Abend sein Debütspiel für den VfS Warstein gab: Sven Mühlenschulte.
Der 23-Jährige Ostfriese wird zur kommenden Saison 2012/13 das Warsteiner Team verstärken; sein gestriger VfS-Einsatz im Freundschaftsspiel bleibt zunächst die Ausnahme. Denn der gebürtige Wittmunder Mühlenschulte, den es im Zuge seines BWL-Studiums nach Meschede verschlagen hat, will für seinen aktuellen Verein HSG Friedeburg/Burhafe in der Landesliga erst noch die laufende Saison zu Ende spielen.
Während Mühlenschulte offensichtlich gut gelaunt sein Debüt im VfS-Dress bestritt, dürfte im fernen Karlsruhe ein Leistungsträger der Warsteiner Landesligamannschaft getrauert haben: Spielmacher Lars Schorlemer versäumte wegen einer Klausur am heutigen Donnerstag das Match gegen den Bundesligasiebten und damit ein Wiedersehen ehemaliger Bekannter aus seiner Jugendspielzeit bei GWD Minden wie Torwart Nils Dresrüsse, Julian Possehl und Marcel Niemeyer, die nun in Diensten des TBV Lemgo stehen. „Lars wäre liebend gerne hier gewesen, doch es ging nicht“, sagte sein Vater und VfS-Trainer Michael Schorlemer.
Wer den Handballabend mitverfolgte, durfte ihn genießen, so, wie es sogar der international erfahrene Florian Kehrmann tat, der sich wie das gesamte TBV-Team beim Ausflug in der Provinz volksnah gab: „Die Zuschauer hatten Spaß, beide Mannschaften hatten Spaß – dann ist der Sache auf jeden Fall gedient. Wenn die Leute alle lachend nach Hause gehen und auch die Spieler Spaß hatten, dann ist das eine gute Sache.“
VfS: Michael Hölter, Hendrik Hilwerling (20. - 30.) Christian Albers (31. - 42.) im Tor; Benedikt Furmaniak (6), Markus Sobkowiak (1), Boban Ristovic (11), Ciya Aslan, Lino Gericke (2/1), Sebastian Mues, Björn Manderfeld (2), Tobias Nagel (1), Thorsten Grunwald, Sven Mühlenschulte (1), Lukas Pielsticker, Matthias Sellmann (2).
TBV: Nils Dresrüsse, Dominik Formella (im Tor); Patrik Johansson (3/1), Sebastian Preiß (2), Jens Bechtloff (10), Florian Kehrmann (8), Rolf Hermann (3), Julian Possehl, Gunnar Dietrich (2), Marcel Niemeyer (3), Finn Lemk (4), Arnoldus Haenen (10/2), Werner Lucz (3).
Michael Schorlemer, Trainer VfS: „Sicherlich eine gelungene Veranstaltung. Die Zuschauer gehen mit einem guten Gefühl nach Hause. Das Ergebnis ist in Ordnung, es ist nicht aus dem Rahmen gefallen. Wir haben mit 26 Toren im Angriff gut gespielt.“
Dirk Beuchler, Trainer TBV: „Zum Einstieg in die Vorbereitung war das in Ordnung. Der VfS ist ein Kooperationspartner von uns, und wenn wir den Zuschauern, Kindern und Spielern so eine Freude machen können, kommen wir natürlich gerne. Ich denke, dass es heute allen Spaß gemacht.“



